Zwischen Hollywood und Wissenschaft

Das Mittelalter als Teil unserer eigenen Geschichte wird in unserer heutigen Vorstellung von vielen Klischees geprägt. In Literatur und Film teilweise verklärt und romantisiert, teilweise verdammt und als "dunkle Zeit" dargestellt, kann auch die Wissenschaft, darunter speziell die Archäologie und die Mediävistik nur ein unvollständiges Bild dieser Zeit vermitteln.
Angeregt - und oftmals aufgeregt - durch die Darstellung des Mittelalters auf Märkten, "Ritterturnieren", Filmen und Büchern entstand die Idee, eine Mittelalterdarstellung zu entwickeln, die sowohl wissenschaftlichen Kriterien genügt, als auch Erlebbarkeit und Erfahrbarkeit vermitteln kann.
Die Begriffe "Living History", also "lebende Geschichte" oder "Reenactment" - Nachstellung von historischen Situationen - beschreiben dabei lediglich Teilaspekte unserer Darstellung. Vielmehr versuchen wir, Teilnehmern an Veranstaltungen, Gästen, interessierten Neueinsteigern und vor allem auch Kindern eine Erlebniswelt zu erschaffen, in der so viele Aspekte wie möglich beleuchtet werden. 
Konkret bedeutet das, daß Workshops und Seminare zu mittelalterlichen Handwerkstechniken ebenso zu unserem Konzept gehören wie ein gemeinsames Lager auf der grünen Wiese, eine hochmittelalterliche Pilgerreise genauso Platz in der Darstellung hat wie eine Nachstellung .

Historisch korrekt?

Ein immer wiederkehrendes Thema ist die Authentizität einer Darstellung (das große "A"), besser umschrieben mit dem Begriff der "historischen Korrektheit". Erfreulicherweise haben sich in der Mittelalterszene (sofern es diese überhaupt als geschlossenen Raum gibt) in den letzten Jahren gewisse historische Grundsätze etabliert, so daß heute gestrickte Kettenhemden und Hörnerhelme selbst auf Märkten eher die Ausnahme sind.
Nichtsdestotrotz tut für uns eine weitaus stärkere Annäherung an Erkenntnisse aus der Wissenschaft Not. Ein Nachempfinden damaliger Lebensumstände, ganz gleich in welcher Rolle, setzt voraus, die Umgebungsbedingungen so exakt wie möglich zu rekonstruieren. Historische Korrektheit ist also nicht Selbstzweck, sondern unabdingbare Grundlage zum "Erleben" einer Zeit. Gerade das Verhalten in bestimmten Situationen wird ja durch die Verfügbarkeit von Wissen und in erster Linie von bestimmten Gegenständen geprägt. Eine Zeit ohne Kühlschrank bedingt nun einmal eine geänderte Verwendung von Lebensmitteln, der Verzicht auf modernes Schuhwerk läßt die Wegewahl bei einer Wanderung anders ausfallen als heute.

Hochmittelalter

Wir bewegen uns mit unserer Darstellung am Ende des deutschen Hochmittelalters, also in der Zeit zwischen 1230 und 1270. Die Wahl fiel nicht einfach so auf diese Epoche, sondern das Hochmittelalter stellt eine Zeit des Umbruchs für ganz Europa dar. Jahrhundertelang geltende Grundsätze wie die Feudalherrschaft und das Lehenswesen sind in Auflösung begriffen oder werden zumindest hinterfragt, die Städte erlangen zentrale Bedeutung für die Gesellschaft und der Alleinvertretungsanspruch der Kirche wird von weltlichen Herrschern in Frage gestellt. 
Das Hochmittelalter ist aber auch und vor allem die Blütezeit des Mittelalters. Die großen Pestwellen des 14. Jahrhunderts sind noch in ferner Zukunft, ein warmes Klima in Mitteleuropa sorgt für gute Ernten und damit für ausreichend Nahrung, um die Bevölkerungszahl stark ansteigen zu lassen, das Rittertum mit seinen - wenngleich oft stark verklärten - Tugenden steht in voller Blüte und in Kunst, Literatur und Musik schwingt sich Europa zu einem ersten Höhepunkt nach der Antike auf. Kathedralen von unvergleichlicher Schönheit entstehen und relativ lange Perioden ohne große Kriege machen das Leben der Völker angenehmer als in vielen der kommenden Jahrhunderte.

Unser Angebot

Wir sehen uns als eine Spielart der Mittelalterdarstellung, nicht als die einzige. Aber selbstverständlich möchten auch wir unsere Erfahrungen und unser Wissen gerne weitergeben, weshalb wir nicht nur Workshops und Seminare organisieren, sondern auch eigene Veranstaltungen durchführen und Projekte an Schulen und Universitäten anbieten. Seit Januar 2004 haben wir mit unserem Hof in Kettenbach auch einen "Spielplatz" zur Verfügung, um Veranstaltungen im Bereich experimenteller Archäologie (Anbau alter Nutzpflanzen, Viehhaltung, Schmieden etc.) durchzuführen. 
Wer also Interesse an unserer Art des Umgangs mit dem Hobby Mittelalter hat, der ist herzlich eingeladen, sich mit uns in Verbindung zu setzen. Und wir garantieren eines: Bei aller Ernsthaftigkeit ist eine gehörige Portion Spaß immer dabei!

 

© Stephanie & Claus Winhard